lost-my-brain

lost-my-brain










Links












1

Ein weiser Mensch sagte einst: "Krankheit spürt man, Gesundheit nicht." Und ich spürte diese Krankheit. Schleichend wie eine Schlange und gar genau so giftig. Reißt mich mit sich und wringt mich aus. Das also ist mein Leben und dies meine Geschichte.

Die Sonne stand tief am Horizont, ringte mit dem dichten Geäst der Bäume und machte Schattenspiele, die man auf dem ganzen Boden als Muster sah. Die Gräser waren in einem warmen Orange getaucht und bewegten sich im Takt des Windes. Nichtmal meine Gitarre konnte den wundervollen Klang der Symphonie der Natur übertreffen. Es war der erste Ferientag. Ich saß am Waldrand und ließ von der Sonne mein Herz erwärmen.
In der Ferne sah ich zwei Mädchen mit einem Hund, der um ihre Beine tanzte. Die Gestalten würdigten mich keinen Blickes. Nur der Hund rannte zu mir und gab mir einen feuchten Stupser mit seiner schwarzen Nase, bis er zurückgerufen wurde. Genau das ist es, was mich stört: Ich bin nicht alleine aber so einsam. Ich stieß einen tiefen Seufzer aus, schulterte meine Gitarre und verschwand mit der Sonne hinter den Bäumen.
Daheim war alles still. Als ich durchs Fenster schaute, sah ich meine Mutter auf dem Sofa sitzen, in einem Meer aus Tränen. Ich hörte ihre Stimme in meinem Kopf die sagte: "Hör auf die ganze Zeit alleine zu sein, sei mehr bei deiner Familie!". Ich denke, eines Tages wird sie verstehen, warum ich lieber für mich war. Das ist nur ein Thema der Akzeptanz.
In meinem Zimmer war alles dunkel. Ich stellte meine Gitarre in die verstaubte Ecke, machte mir ein Bier auf und steckte die Zigarette an. Durch die Schlitze der Rolläden sah ich den Rauch langsam aufsteigen und sich malerisch im Raum verteilen. Ich erinnerte mich daran, wie mein Ex die Vorhänge immer aufmachte, wenn er bei mir war. "Damit du was siehst", sagte er stets. Doch ich sehe alles, was ich sehen will. Es ist alles in meinem Kopf, eine Oase, ein Palast. Meine Therapeutin meinte einst, dass man sich einen Wohlfühlort zum Mitnehmen anlegen sollte und sie hatte recht. Es tat gut, in meiner Welt zu leben. Zwar ist letztendlich das Denken selbst eine der größten Krankheiten, doch wenn ich mich manchmal so umsehe, möchte ich gar nicht gesund sein.
Ich hörte wütende Rufe und laute Schritte und ich wusste, dass meine Mutter einen Anruf von der Schule bekommen hatte. Meine Versetzung war erneut gefährdet. Ich schloss meine Zimmertür zu und presste das Kissen an meine Ohren. Da war sie, die Ohrenbetäubende Stille, die ich hasste. Sie war nicht gesund, nicht hilfreich. Sie war da und war lauter als jede Musik eines Rockkonzertes, auf dem ich je war. Sie umhüllte mich wie ein Mantel aus Dornen, Gab mir einerseits Schutz und andererseits die Krankheit. Depressionen waren es, die mir mein Leben erschwerten oder mich zu dem machten, was ich bin. Ein Schatten. Ein Beobachter des Universums, ein Poet. Aber auch jemand, den man übersieht, den man nicht will. Ich bin eine Nebenwirkung des Lebens. Ich spürte, wie eine Träne sich den Weg über meine Wange bahnte, wischte sie weg und stieg aus dem Fenster. Und nach ein paar Minuten stand ich da, am Bahnübergang. Menschenleer und dunkel ruhte er hier. Ich fragte mich oft, wie viele Menschen hier schon starben und wann ich an der Reihe war. Und mit jedem Mal, wo ich von diesem Ort wieder lebendig gehen konnte, fühlte ich ein wenig Stolz und Mut. Ich lehnte mich an einen Stromkasten und schloss die Augen. "Nemo ante mortem beatus - Niemand ist vor seinem Tode glücklich", flüßterte ich. Denn das ist es, was dort an dem Kasten stand. In Blut geschrieben - meinem Blut.
18.2.17 10:47
 
Letzte Einträge: 19


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen

Gratis bloggen bei
myblog.de